Selbstwert
Grenzen setzen, ohne ständig ein schlechtes Gewissen zu haben
Die meisten Frauen, die zu mir kommen, wissen genau, wo ihre Grenze liegt. Die Schwierigkeit beginnt danach – bei dem, was das Nein mit ihnen macht.
„Ich kann einfach nicht Nein sagen.“ Diesen Satz höre ich oft. Meistens stimmt er nicht ganz. Nein sagen können die meisten. Was schwerfällt, ist das, was danach kommt: das Grübeln, die Sorge, jemanden verletzt zu haben, der Impuls, es doch wieder gutzumachen.
Deshalb geht es beim Grenzen setzen selten um Techniken. Es geht darum zu verstehen, wofür das Ja bisher gut war.
Zuerst: die eigene Grenze überhaupt bemerken
Wer über Jahre gelernt hat, sich an anderen zu orientieren, bemerkt die eigene Grenze oft erst, wenn sie längst überschritten ist. Der Ärger kommt abends. Die Erschöpfung am Wochenende. Die Gereiztheit trifft dann Menschen, die gar nichts damit zu tun haben.
Ein erster Schritt ist deshalb ganz unspektakulär: früher hinschauen. Nicht: Was hätte ich sagen sollen? Sondern: An welcher Stelle im Gespräch hat sich etwas in mir zusammengezogen?
- Wann im Verlauf des Tages ist es dir zu viel geworden?
- Woran hast du es körperlich gemerkt – Anspannung, Enge, Müdigkeit?
- Was hast du in diesem Moment gedacht?
- Was hättest du in diesem Moment gebraucht?
Wofür war das Ja gut?
Das ist die systemische Frage, und sie verändert erfahrungsgemäß am meisten. Denn das schnelle Ja ist keine Schwäche. Es war irgendwann eine kluge Lösung.
Vielleicht war Zuverlässigkeit das, wofür du gesehen wurdest. Vielleicht war Frieden in der Familie wichtiger als der eigene Wunsch. Vielleicht hast du früh gelernt, dass es leichter ist, wenn du dich kümmerst.
Diese Muster haben ihren Sinn gehabt. Sie sind nicht falsch – sie passen heute nur oft nicht mehr zu dem Leben, das du führst.
Ein Muster zu verstehen nimmt ihm den Vorwurf. Und erst dann lässt es sich verändern.
Das schlechte Gewissen gehört dazu
Eine Erwartung, die ich oft höre: Wenn ich es richtig mache, fühlt es sich gut an.
Meist ist es andersherum. Die ersten Neins fühlen sich unangenehm an, gerade weil sie ungewohnt sind. Das schlechte Gewissen ist dann kein Beweis dafür, dass du etwas falsch gemacht hast. Es ist ein Zeichen dafür, dass du etwas Neues machst.
Es hilft, das vorher zu wissen. Sonst wertet man das ungute Gefühl als Bestätigung – und nimmt das Nein wieder zurück.
Beziehungen verändern sich mit
Wenn eine Person in einem Gefüge etwas ändert, reagieren die anderen. Das ist normal und kein Zeichen von Böswilligkeit. Wer sich daran gewöhnt hat, dass du übernimmst, wird zunächst irritiert sein.
Manche Reaktionen legen sich nach kurzer Zeit. Andere führen zu Gesprächen, die längst überfällig waren. Und manchmal zeigt sich, dass eine Beziehung stark davon lebte, dass eine Seite immer nachgibt. Auch das ist eine wichtige Information.
Kleine Schritte statt großer Wende
Grenzen zu verändern gelingt selten mit einem großen Klärungsgespräch. Es gelingt in kleinen, gut dosierten Schritten:
- Zeit gewinnen: „Ich melde mich morgen dazu.“ Das ist kein Nein und trotzdem eine Grenze.
- Beim eigenen Erleben bleiben: „Das schaffe ich diese Woche nicht“ statt Begründungen zu suchen.
- Ein Nein ohne Erklärungskette stehen lassen. Erklärungen laden zum Verhandeln ein.
- Klein anfangen – bei Menschen, bei denen wenig auf dem Spiel steht.
- Danach nicht sofort ausgleichen, sondern das Unbehagen einmal aushalten.
Selbstverantwortung – und ihre Grenze
Du bist verantwortlich dafür, deine Grenze zu benennen. Du bist nicht verantwortlich dafür, wie jemand darauf reagiert.
Diese Unterscheidung klingt schlicht und ist im Alltag ausgesprochen schwer. Sie ist trotzdem der Kern: Ein freundlich und klar formuliertes Nein bleibt in Ordnung, auch wenn es jemanden enttäuscht.
Für die kommende Woche
- Bei welcher einen Gelegenheit möchtest du diese Woche etwas anders machen?
- Was ist das kleinste Nein, das du dir zutraust?
- Wer in deinem Umfeld würde es dir leicht machen, dabei zu bleiben?
- Woran würdest du merken, dass sich etwas verändert hat?
Muster verstehen, statt gegen sich zu arbeiten
In der Einzelberatung schauen wir gemeinsam darauf, wofür dein Ja bisher gut war – und was heute an seine Stelle treten darf.
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